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Der weiße Aderlass

 

Das Kantharidenpflaster

Dass die heilende Wirkung der Blasenbildung überhaupt entdeckt wurde, zählt zu den Zufällen der Medizingeschichte. Nach Verbrennungen oder anderen äußeren Hautreizungen bemerkten die Menschen erstaunt eine Linderung ihrer Muskel- oder Gelenkschmerzen. Das Kantharidenpflaster ähnelt in seiner Wirkung der Schröpftherapie und wird wegen seines Effektes auf das Lymphsystem auch weißer Aderlass genannt. Schon in der alten indischen Medizin wurde der Blasenzug (Vesikation) absichtlich herbeigeführt, in dem man Asche mit ätzender Lauge vermischte und auf die Haut aufbrachte. Auch im römischen Reich und in der arabischen Medizin arbeitete man mit dieser Therapie. Im ausgehenden europäischen Mittelalter wurden blasenziehende Pflanzen wie Hahnenfuß, Seidelbast und Wolfsmilch benutzt und Paracelsus verwendete ebenso wie drei Jahrhunderte später Rufeland diese unverzichtbare Heilmethode.

Im Zuge der zunehmenden Spezialisierung der Medizin werden die Allgemeinbehandlungen der hippokratischen Heilkunde heute leider sträflich vernachlässigt. Die hippokratische Lehre führt das Entstehen von Krankheiten auf Umwelteinflüsse, falsche Nahrung, fehlerhafte Ausscheidungen, falsche Lebensweise und ein unharmonisches Seelenleben zurück. Eines ihrer Behandlungsprinzipien ist die Aus- und Ableitung der schlechten Säfte, die durch eine ungenügende Ausscheidung von Körpersubstanzen entstanden sind.

 

Die Zwischenzellräume

Der menschliche Körper besteht zu 2/3 aus Flüssigkeiten, wovon 5% Blutflüssigkeit, 40% intrazelluläre Flüssigkeiten (in der Zelle) und 15%interzelluläre oder Bindegewebsflüssigkeit sind. Der interstitielle Raum ist der Mittler zwischen dem transportablen Blut, dem Informationsraum, Nervensystem und dem Lymphsystem. Er stellt ein ubiquitäres Gedächtnissystem dar, das jede Information speichert, die unseren Körper beeinflusst, die nicht in die Zuständigkeit unseres zentralen Nervensystems gehört. Problematisch sind die Stoffe, die dieses System stören oder schädigen. Hierzu gehören alle Schadstoffe, Fremdeiweiße (Bakterien, Viren, Pilze und Medikamente). Für den Schutz vor Überbelastung der Zwischenräume sorgt dann das Lymphsystem. Die Lymphbahnen enden frei im Bindegewebsraum und trainieren das System.

Die moderne Medizin vernachlässigt und verkennt die Wichtigkeit des Lymphsystems. Der Erfolg der antiken Medizin beruht zu einem großen Teil auf der Ausleitung der Körpersubstanzen, die diesen Bindegewebsraum betreffen.

 

Die Vesikation (Blasenzug)

Das Prinzip des Blasenzuges ist sehr einfach. Durch das Aufbringen einer blasenbildenden Substanz wird eine Blasenbildung in der Haut erzeugt. Heute verwendet man dafür Kantharidenextrakt aus der Laubkäferart (Spanische Fliege). Der Extrakt wird aus den getrockneten Körpern des in Südeuropa heimischen Käfers hergestellt.

In der Blase entsteht eine Flüssigkeit, die aus einer entzündlichen Bindegewebssubstanz besteht, die aus Serumeiweißen und verschiedenen Zellgruppen (weiße Blutkörperchen, Vestiozyten, Bindegewebezellen) besteht. Besonders interessant sind die Eiweißbestandteile, die eine Entzündung erhalten oder hervorrufen können. Daraus ergeben sich auch die unterschiedlichen Indikationen der Vesikation.

 

Praktische Anwendung

Fertige Kantharidenpflaster sind in der Apotheke in verschiedenen Größen erhältlich. Das Pflaster wird auf die ausgewählte Hautstelle gelegt und mit Kompressen und einem elastischen Verbandstoff fixiert. Bei großen Pflastern dienen mehrere Kompressionen als Polster, um ein spontanes Platzen der Blase zu verhindern.

Nach etwa ein bis zwei Tagen kann der Verband abgenommen werden. Die Blase wird an ihrem unteren Ende mit einem spitzen Skalpell oder mit einer sterilen Nadel geöffnet und abgesaugt. Anschließend wird ein steriler Verband angelegt. Da sich die Blase in der oberflächlichen Schicht der Haut ausgebildet hat, heilt sie ohne Narbenbildung mit einer verstärkten Hautfärbung ab.

Bei dieser Methode kann plötzlich ein brennender Schmerz einsetzen, schließlich kommt es durch den Reiz des Pflasters zu einer künstlichen Verbrennung II. Grades und es kann eine monatelang anhaltende dunkle Pigmentierung an der Auflagestelle des Pflasters zurückbleiben.

Mit der Ausbildung der Brandblase wird reichlich Lymphflüssigkeit in den Blasenraum transportiert. Hierbei werden krankmachende Eiweiße, Entzündungssubstanzen und saure Stoffwechselprodukte aus den Zwischenräumen in die Blase entleert. Es erfolgt die gewünschte Gewebsdrainage. Bereits beim ersten Verbandswechsel kann der Pat. über eine Linderung seiner Beschwerden berichten.

 

Die Indikationen

Bei folgenden chronische Erkrankungen kann die Methode eingesetzt werden:

Arthrotische Beschwerden (Abnutzungserscheinungen)

Chronische Neuralgien (Chronische Nervensystemerkrankungen: z. B. Trigeminusneuralgien)

Myalgien (Muskelschmerzen)

Asthma bronchiale

Cholecystopathie (Gallenblasenerkrankungen)

Migräne

Chronische Otitis (chronische Mittelohrentzündung)

Chronische Apizitis (Blinddarmentzündung)

Alle chronischen, lokalen Ergussbildungen

Sogenannten Morbus Menière

Bei akuten Erkrankungen:

Arthritis (Gelenkentzündung) Sarkoilitis (Gelenk in der unteren Wirbelsäule) Cholecystitis (Gallenblasenentzündung) Pleuritis (Rippenfellentzündung) Tonsillitis (Mandelentzündung) Iritis (Irisentzündung)

 

Wirksamkeit

Generell sollten hochakute entzündliche Gelenke nicht mit einem Kantharidenpflaster behandelt werden. Die Wirkung des Pflasters ist zwar vorhanden, doch verstärkt sich der Brennschmerz bei der Blasenbildung die ohnehin vorhandenen Schmerzen. Hier sollte zunächst mit lokaler Kälteanwendung die Akutphase verkürzt und dann die Physikation durchgeführt werden.

Die akute Rippenfellentzündung hingegen lässt sich sehr gut und effektiv mit dem Kantharidenpflaster behandeln, ebenso wie eine akute Otitis media. Je nach Anlage des Pflasters ergibt sich neben der lokalen und allgemeinen Wirkung auch eine segmentale Reaktion mit der Beeinflussung der dazugehörenden inneren Organe. Sehr gute Erfolge können bei chronischer Cholecystopathie und bei Lebererkrankungen vermerkt werden.

 

Kontraindikationen:

Wann darf Kantharidenpflaster nicht angewandt werden?

Da Kanthariden Nieren- und Blasenreizungen hervorrufen kann, sollte es bei Patienten mit Nieren- und Blasenerkrankungen nicht angewendet werden. Auch verbietet sich die Anwendung bei Hautgeschwüren sowie an vorbestrahlten Hautarealen. Auch im Genitalbereich soll Kantharidenpflater nicht angewandt werden.

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